Biikebrennen - Hintergrundinformationen

In einer Zeit, in der es so scheint, als ob überlieferte Traditionen keine Chancen für ein Überleben haben, geschieht das genaue Gegenteil. Überall in Europa erwacht der Regionalismus. Seien es nun im Süden die Basken oder hoch im Norden die Samen. Alle diese Volksgruppen haben eines gemeinsam: Sie kämpfen um ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Traditionen, als um ihre Identität. Auch in Nordfriesland an der schleswigschen Westküste versucht man mit wachsendem Erfolg, eine alte friesische Tradition einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wer einmal am 21. Februar den Abendstunden auf den Nordfriesischen Inseln einen Spaziergang gemacht hat, wird sie sicherlich gesehen haben, die gewaltigen Feuer auf den Hügeln, um die sich viele Menschen versammeln. Man wird Zeuge eines alten friesischen Brauchtums: des Biikebrennens. Das Wort "Biike" oder "Biake" ist mit dem heute in der Seefahrt gebräuchlichen Wort "Bake" verwandt und bedeutet altfriesisch "Leuchtfeuer". Es handelt sich um eine friesische Tradition, die nie ganz ausgestorben ist und im Laufe ihrer Geschichte mehrere inhaltliche Wandlungen durchlief. Dies mag auch mit einer der Gründe sein, dass das Biikebrennen so lange überleben konnte.

Die Ursprünge liegen im dunkeln. Es ist nicht eindeutig bewiesen, ob es sich um ein heidnisches Brauchtun handelte. In dieser Frage bleibt auch der Sylter Chronist c.P. Hansen, der die Anfänge dieser Tradition in das 9. Jahrhundert datiert, den Beweis schuldig. Damals in heidnischer Zeit war zweifellos das Biikebrennen auf den geheiligten Hügeln mit dem nächtlichen Tanz um das symbolträchtige Feuer der Hauptakt des Opfer- und Frühlingsfestes der Friesen. Es handelte sich um einen religiösen Kult, wobei man den obersten der Götter, den Kriegs- und Siegesgott Weda, welcher identisch mit Wodan und Odin ist, mit den Worten anrief: "Vikke tare! Vikke tare!" (Weda zehre! Nimm unser Opfer an!) und: "O Wia wakket nei!" (Oh Weda weiche nicht!) All dieses könnte sich vor langer Zeit bei Keitum auf Sylt an dem Winjshoog oder dem Wethoog bei Tinnun oder auch am Hilligört bei Morsum in einer sternenklaren und kalten Nacht im Februar abgespielt haben. Die Biike war jedoch nicht nur ein Opferfeuer,sondern mit ihr verband man auch andere heidnische Bräuche. So stand mitten im Feuer auf einem langen Pfahl eine Strohfigur welche wahrscheinlich den Winter darstellte. Sie sollte verbrannt und somit der Winter vertrieben werden. In späteren Jahren kam ein mit Teer gefülltes Holzfaß, das ebenfalls am Pfahl befestigt war, hinzu. Durch die Hitze und das Feuer wurde dieses langsam undicht, und es träufelte der brennende Teer heraus. Die glühenden Spalten, die dann sichtbar wurden, versinnbildlichten die Sonnenstrahlen, die im Biikefeuer eingefangen wurden. Ebenso wurde ein brennendes Rad von den heiligen Hügeln in die Felder heruntergerollt. Mit Feuer und Glut wollte man das Frühjahr wecken, aber auch alles Übel sollte vertrieben werden. In der Hoffnung, daß das Land wieder fruchtbar würde, trugen die Friesen brennendes Material über die Äcker und glaubten, daß der Sprung über das niedergebrannte Feuer ihnen Gesundheit und neue Kraft gab. Gleichzeitig waren die Biiken auch ein geeignetes Signal für das anstehende Frühlingsting. Sie waren ein weithin sichtbares Zeichen, daß es nun an der Zeit war, sich zum Ting zu sammeln; welches von altersher auf den 21. Februar fiel.

Auf einem dieser Tingtreffen war man auch genötigt, sich mit dem immer weiter vordringenden Christentum zu befassen. Dieser Vorgang war den heidnischen Friesen sehr zuwider. Sie ließen diese Entwicklung aber nicht auf sich beruhen. Als der heilige Wigbertum in ihr Land kam, so wird berichtet, wurden sie aktiv und säbelten den Boten des Christentums, und den heiligen Bonifacius erschlugen sie ebenfalls. Fünf Jahre später war jedoch der heilige Walframus in der glücklichen Lage, Gehör für seine christliche Botschaft zu finden. Ihm gelang es, viele der widerspenstigen und auf ihre Traditionen beharrenden Friesen zu bekehren. Schon bald nach dem Jahre 1100 wurden die überaus mächtigen Kirchen auf Sylt, Föhr und Pellworm erbaut. Sie waren ein weithin sichtbares Zeichen dafür, daß das Christentum auch festen Fuß auf den Inseln gefaßt hatte.

Tief im Inneren ihrer Herzen saßen jedoch der heidnische Glaube, ihre alten Traditionen und ihr altes Recht. Ein Versuch der Kirche, der schon so oft anderenorts geglückt war, das heidnische Biikebrennen durch ein anderes Fest, ein christliches, zu ersetzen, schlug vollkommen fehl, denn seither feiern die Friesen beide Feste. Es handelte sich hier um die »Petri-Stuhlfeier«, einen kirchlichen Festtag, der extra für die Friesen in das kirchliche Kalenderjahr aufgenommen wurde. Den kirchlichen Petritag funktionierten die Friesen zu ihrem Pidersdai um, einem fröhlichen Fest .mit Tanz und Schmausereien. Es begann schon am Morgen mit einem Fest für die Kinder und erreichte seinen Höhepunkt in der Nacht, ein richtiges Volksfest.

Noch heute sind Elemente dieses Festes erhalten. Nachdem die Feuerreden an der Biike beendet sind und die Biike niedergebrannt ist, geht man zu Tisch und stärkt sich bei einem Grünkohlessen, einem traditionellen Gericht, und genießt das nordfriesische Nationalgetränk, den Teepunsch. Den weiteren Verlauf des Abends bestimmen dann Gesang, Theaterdarbietungen und Tanz.Auch die Jugend stützt die Tradition des Biikebrennens; hier spielt das Vorrecht der Konfirmanden, das Brennmaterial einsammeln zu dürfen, eine entscheidende Rolle. Verstärkend kommt hinzu, daß jedes Dorf den Ehrgeiz besitzt, die schönste und höchste Biike zu entfachen. Die Begeisterung der Kinder für das Biikebrennen auf den Inseln hängt aber sicherlich auch mit dem folgenden schulfreien Petritag zusammen.

Einige der Kinder werden auch die Sage von ihren Großvätern oder Großmüttern erzählt bekommen haben, in der es heißt, daß in den Nächten des 21. Februars Rottgänse schreiend um die Biikefeuer fliegen. Sie sind die Geister der ertrunkenen Friesen, die um ihr versunkenes Land klagen. Man sollte sie stets mit Ehrfurcht behandeln. Berichtet wird auch; daß Schiffer am 21. Februar ihre Fahrt unterbrachen und vor Sylt vor Anker gingen, um die Biiken miterleben zu können.In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß dieser Tag nicht mit der Abreise der Seeleute entgegen der weitverbreiteten Auffassung zusammenfällt. Er diente vielmehr als Orientierungsdatum zur Erledigung von Rechtsgeschäften, die bis zu diesem Zeitpunkt abgewickelt sein mußten. Man konnte ja nie sicher sein, ob es von dem Wal- und Robbenfang, der nach Spitzbergen, Grönland und zur Davis-Straße führte, eine Heimkehr gab. So wurde aus dem einstigen Opferfeuer ein Abschiedsfeuer, zumindestens bis zum Ausgang der Grönlandfahrten, die Mitte des 18. Jahrhunderts aufhörten.

In den Jahren während des 2. Weltkrieges fand kein Biikebrennen statt. Aber schon im Jahre 1946 lebte der alte Brauch wieder auf. Im Zeichen des Friedens wurden gewaltige Biiken entfacht. In den letzten Jahren ist es gelungen, die Tradition des Biikebrennens wieder über die Nordfriesischen Inseln hinaus zu verbreiten. So wurde 1977 seit langer Zeit wieder eine Biike auf dem Stollberg bei Bredstedt und somit auf dem Festland entfacht. Sie ist zugleich ein Hinweis darauf, daß die kulturellen Werte, die in einer Region liegen, eine Bereicherung darstellen und es daher gilt, sie zu fördern und zu pflegen.